Sexueller Kindesmissbrauch: Über 8.000 Anrufe und Briefe bei der Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten

hinzugefügt am 25-11-2010 von Warras

Dr. Bergmann bilanziert Ergebnisse nach sechs Monaten telefonischer Anlaufstelle.
Anruferzahl hat sich seit Kampagnenstart verdoppelt.
Betroffene werten Gespräch mit Rundem Tisch als „ersten wichtigen Schritt“.

Berlin, 25. November 2010. Die Kampagne „Sprechen hilft“, die im September 2010 mit TV-Spots, Plakaten, Anzeigen und Infomaterialien in ganz Deutschland gestartet ist, zeigt ihre Wirkung. Die Zahl der Betroffenen, die sich bei der Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten gemeldet haben, hat sich seitdem verdoppelt. Vor Kampagnenstart (April bis September 2010) erreichten die Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann, Bundesministerin a. D., insgesamt 1.700 Anrufe und 800 Briefe. Seit September sind weitere 5.000 Anrufe und 700 Briefe hinzugekommen. Insgesamt haben sich im ersten Halbjahr seit Einrichtung der Anlaufstelle über 8.000 Betroffene an die Unabhängige Beauftragte gewendet.

„Wir freuen uns, dass wir mit unserer Kampagne so viele Menschen dazu bewegen konnten, auch nach vielen Jahren oder Jahrzehnten ihr Schweigen zu brechen“, sagte die Unabhängige Beauftragte bei der Vorstellung ihres zweiten Zwischenberichts in Berlin. „Die große Resonanz zeigt uns, dass der Bedarf an Anlauf- und Beratungsstellen für Betroffene von sexuellem Missbrauch weitaus größer ist als bisher angenommen.“
Während nach Start der Anlaufstelle vor allem von Missbrauchsfällen in Institutionen berichtet worden sei, würden jetzt immer mehr Fälle von Missbrauch im familiären Kontext berichtet. „Wir haben dabei mittlerweile signifikante Unterschiede in der Geschlechterverteilung“, so Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm, und verantwortlich für die wissenschaftliche Begleitforschung der telefonischen Anlaufstelle. Seit Kampagnenstart hätten mehr Frauen als Männer angerufen, so Fegert bei der heutigen Vorstellung seiner Ergebnisse, waren bis zum Start der Kampagne beide Geschlechter etwa gleich stark vertreten, seien nun rund 60 Prozent der Anrufenden weiblich. Fortgeführt habe sich die Tendenz, dass Frauen vor allem von Missbrauch im familiären Umfeld berichteten, Männer proportional häufiger von Missbrauch in Institutionen. Knapp die Hälfte der berichteten Missbrauchsfälle in Institutionen sei in katholischen Einrichtungen begangen worden. Mehr als 90 Prozent der Betroffenen berichten von Taten, die nicht aktuell, sondern vor Jahren oder Jahrzehnten begangen wurden. Ebenso hoch ist der Prozentsatz derjenigen, die von mehrfachem oder wiederkehrendem Missbrauch erzählen.

Seit Kampagnenstart rufen mehr junge Menschen an, auch Minderjährige. Das Durchschnittsalter ist von über 50 Jahren auf Mitte 40 gesunken. Der jüngste Anrufer war acht Jahre, die Älteste 81 Jahre alt. Außerdem melden sich seit Kampagnenstart nun auch mehr Betroffene aus den neuen Bundesländern. Ein weiteres Ergebnis der Kommentare von Anrufenden: Auf Wunsch hat die Unabhängige Beauftragte ein Gespräch zwischen Betroffenen und Mitgliedern des Runden Tisches „Sexueller Kindesmissbrauch“ am 10. November 2010 initiiert und moderiert. An dem Gespräch nahmen auch die Bundesministerinnen Dr. Schröder, Leutheusser-Schnarrenberger und Prof. Dr. Schavan teil. Gehört wurden sechs Betroffene und zwei Angehörige in Vertretung ihrer Kinder. Die Betroffenen werteten das Gespräch als einen „ersten wichtigen Schritt“, dem weitere folgen müssten. Zwei von ihnen nahmen auch bei der heutigen Pressekonferenz der Unabhängigen Beauftragten teil: „So unterschiedlich die Orte des Missbrauchs auch sind, das Gespräch am Runden Tisch hat gezeigt, dass die Mechanismen der Macht, mit denen der Missbrauch ausgeübt wird, überall gleich sind und die Schicksale der Betroffenen miteinander verbindet“, so Dr. Henning Stein, der in Vertretung für seinen behinderten Sohn am Gespräch mit dem Runden Tisch teilgenommen hatte. Es gehe hier nicht um wenige tragische Einzelfälle, so Dr. Stein weiter, es sei ein allgegenwärtiges soziales Phänomen, eine Epidemie, deren Ausmaß wir erst noch erfassen müssten. Gabriele Gawlich, die als Betroffene ebenfalls an dem Gespräch mit dem Runden Tisch teilgenommen hatte, betonte abschließend, „auch wenn ich mein ganz persönliches Schicksal erzählt habe, bin ich doch ein Beispiel von vielen Millionen in unserem Land. „Ich erwarte und fordere, dass der Dialog mit uns Betroffenen weitergeführt wird, dass wir weiter in die Gespräche und Entscheidungen am Runden Tisch einbezogen werden.“
Der Abschlussbericht der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs soll im April 2011 vorgelegt werden. Die nächste Sitzung des Runden Tisches findet am 1.12.2010 statt.

Gabriele Gawlich, Dr. Henning Stein und weitere Betroffene, die am 10.11.2010 am Gespräch mit dem Runden Tisch teilgenommen haben, stehen den Medien für Interviews zur Verfügung. Kontakt über Friederike Beck, Pressestelle der Unabhängigen Beauftragten, unter Tel. 030 18555 1554 oder unter
friederike.beck@ubskm.bund.de.
Telefonische Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten: 0800-22 55 530

Weitere Informationen zur Unabhängigen Beauftragten unter www.beauftragte-missbrauch.de

Weitere Informationen zur Kampagne unter www.sprechen-hilft.de
Statements der Betroffenen, die am Gespräch mit dem Runden Tisch teilgenommen haben, sowie die Kurzfassung des 2. Zwischenberichts finden Sie unter www.beauftragte-missbrauch.de. Ab 1.12.2010 finden Sie dort auch den vollständigen 2. Zwischenbericht zum Download.

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